Wenn ich in meine Website-Analysen schaue, kommt ein Themengebiet immer und wieder hoch: Wie bekomme ich mehr Follower, mehr Fans, mehr Abonnenten? Die Antwort auf die Frage ist ganz leicht: mit Anzeigen. Das ist überall so: Menschen zu erreichen kostet Geld. In Zeitungen, im Radio, im Fernsehen. Bei Facebook und Instagram eben auch. So what? Aber darum soll es in diesem Beitrag gar nicht gehen, sondern um die absolute und komplette Sinnlosigkeit des Wunsches nach einer großen Zahl an Followern.

Zunächst: Was ist ein Follower überhaupt?

Auf Twitter heißen sie Follower, auf YouTube und Instagram Abonnenten, auf Facebook heißen sie Fans, bei XING sind es Kontakte. In der Praxis redet jeder irgendwie von allem kreuz und quer durcheinander. Auch ich sage zu Abonnenten Follower und zu Fans Kontakte, zu Kontakten Follower und zu Abonnenten Fans. Nicht immer, aber manchmal. Was auch egal ist, denn gemeint ist stets dasselbe: eine Person, die meinem jeweiligen Social-Media-Auftritt folgt, um meine Inhalte konsumieren zu können. In diesem Artikel nenne ich sie Follower (engl. »Folgender«), egal, welches Netzwerk gerade gemeint ist.

Warum wollen alle Follower haben?

Als ich so 14, 15 Jahre alt war, gab es in meiner Schule einen etwas älteren Typen, der permanent von einer ganzen Traube Mädchen aus meiner Jahrgangsstufe umgeben war. Und allesamt waren sie soooo verknallt in ihn. Je mehr Mädchen für den Typen schwärmten, desto mehr schienen dazu zu kommen. Wir anderen Jungs, die wir teils fasziniert, teils neidisch diese Entwicklung betrachteten, fragten uns immer, was dieser Typ nur an sich hat und fanden es nie heraus. Auf meine Clique wirkte er eigentlich ziemlich durchschnittlich. Interessant war jedoch, dass sich nach und nach auch andere, ältere Jungs zu ihm gesellten – weil die ganzen interessanten Mädchen aus den jüngeren Klassenstufen bei ihm waren. Im Endeffekt schien der Knabe wahnsinnig beliebt zu sein, denn er hatte viele – tadaaa – Follower.

Doch was brachte ihm die Followerschaft? Im Wesentlichen nichts. Denn er war zu cool für die kleinen Mädchen (Pubertät ist eine ziemlich seltsame Angelegenheit…). Die Mädchen, die ja eigentlich an ihm interessiert waren und sich deshalb permanent aus Eifersucht unterschwellig in den Haaren lagen, gingen nach und nach mit den in der Gruppe aufgetauchten anderen Jungs (wir nannten diese Leute die »Ersatzbank«). Der Schwarm an Leuten um den Typen blieb zwar – aber er war am Ende dennoch ohne Freundin. (Ich selbst hatte übrigens nie eine große Followerschaft auf dem Schulhof. Außer der ziemlich niedlichen Julia S. aus E., die sich redlich bemühte, mir aufzufallen. Falls du das hier liest, Julia: Es tut mir leid, wie arschig ich dich ignoriert habe. Pubertät ist leider sehr, sehr seltsam.)

Aber was soll jetzt diese alberne Analogie aus meiner Pubertät? Sie soll eine offenbar gültige Regel aufzeigen: »Je mehr Mädchen um ihn herumstehen, desto beliebter ist der Junge, und das zieht weitere Mädchen an.« Dennoch hat die reine Zahl der an ihm interessierten Mädchen nichts mit seinem Erfolg beim Händchenhalten und Rumknutschen zu tun. Und das ist eine wichtige Erkenntnis.

Zwischenfazit: Wer seine Follower sinnvoll anspricht, kann jeden Erfolg erzielen, den er erreichen will. Auch der Typ hätte die tollsten Mädchen der Schule abbekommen können – er war jedoch einfach viel zu doof cool dazu. So wie ich bei meiner einen Followerin ebenfalls. (Wie gesagt, Pubertät ist seltsam.)

Verlassen wir nun die Gefilde meines Schulhofs und schlagen den Bogen zu unseren heutigen Social-Media-Accounts. Stellen wir uns vor, wir hätten viele Follower – was bedeutet das? Zunächst einmal nichts weiter. Und zwar wirklich exakt gar nichts weiter.

Ich will Ihnen im Folgenden die allgemeine Sinnlosigkeit dieser wirklich komplett hirnverbrannten Kennzahl vor Augen führen.

Stellen Sie sich vor, Sie würden mich überhaupt nicht kennen – Sie haben meinen Namen noch nie gehört, Sie haben noch nie ein Foto oder Video von mir gesehen, Sie haben noch nie meine Stimme gehört. Ihr Eindruck von mir soll vollkommen neutral sein. Bereit? Jetzt sage ich Ihnen, dass ich 85 Kilogramm wiege. Was für ein Bild entsteht von mir in Ihrem Kopf? Bin ich fit oder bin ich fett?

Vermutlich denken Sie, ich sei bei dem Gewicht eher fett, und das kommt der Wahrheit leider zumindest nahe. Doch was sagt das Gewicht tatsächlich aus? Sie werden lachen: Gar nichts! Nationaltorhüter Manuel Neuer wiegt laut den Fußball-Sammelkärtchen 2018 meines Sohnes 92 Kilogramm. Er ist also sieben Kilogramm schwerer als ich. Allerdings wird niemand behaupten, dass Manuel Neuer als durchtrainierter Profi-Fußballer und einer der besten Torhüter der Welt fett sei. Wer ihn nicht kennen sollte, das ist er:

Manuel Neuer Training 2017-03 FC Bayern Muenchen-2.jpg
Von Rufus46Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Das reine Gewicht führt also in die Irre. Zum Key Performance Indicator (Schlüsselkennzahl, kurz KPI) taugt es nicht. Wir brauchen weitere Werte, die wir in Bezug setzen müssen:

Zunächst einmal überragt mich Manuel Neuer mit seinen 1,93 Meter um satte 15 Zentimeter. Und sein Körper ist komplett durchtrainiert, besteht also vornehmlich aus Muskelmasse. Muskeln wiegen bei gleichem Volumen rund 15 % mehr als Fett. Außerdem ist Neuer erheblich jünger als ich, was sich ebenfalls in einem veränderten Körper bemerkbar macht. Konnte ich als Jugendlicher noch kiloweise Kartoffelchips in mich reinstopfen, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen, reicht heute eine Handvoll von dem Zeug, damit meine Waage den Dienst quittiert (gefühlt zumindest).

So geht das immer weiter, wir benötigen viele, viele Messwerte, bevor wir einen echten Vergleich ziehen können. Wie sieht es mit dem eingelagerten Wasser aus, wie hoch ist das Knochengewicht, was sagt der Taillenumfang? All das und noch viel mehr müssen wir berücksichtigen, bevor Sie wirklich mit Sicherheit feststellen können, dass mir Manuel Neuer körperlich leicht überlegen ist. Aber echt nur ganz leicht.

Vermutlich kennen Sie den Body-Mass-Index (BMI)? Das ist laut Wikipedia »eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße.« Bei aller Kritik, die an diesem BMI geäußert werden kann (keine Berücksichtigung von Statur, Geschlecht, Zusammensetzung der Körpermasse aus Fett- und Muskelgewebe), so ist dieser Wert doch deutlich besser in der Lage, uns einen ersten Überblick über meine Fitness-Situation zu geben als mein bloßes Körpergewicht. (Übrigens sieht mein BMI nicht allzu gut aus, ich geh wohl besser gleich mal ein bisschen joggen.)

Viele Unternehmen und Privatpersonen streben eine große Zahl an Followern an, weil sie diese Zahl für besonders wichtig halten. Und zwar deshalb, weil dieser Wert so prominent in fast allen Social Networks zu sehen ist (Snapchat bildet da die löbliche Ausnahme), was eine große Wichtigkeit suggeriert. Das führt auch zu dramatischen wirtschaftlichen Fehlentscheidungen, etwa dazu, Follower zu kaufen. Wohin das führt, habe ich im Artikel Wieso man keine Facebook-Fans kaufen sollte dargelegt. Und was für Facebook gilt, gilt für jede Plattform, ob Instagram, Twitter, YouTube oder sonstwas.

Doch auch ganz ohne den illegalen Kauf von Followern kann eine große Zahl Follower schädlich sein. Aus meinem Bekanntenkreis verkauft jemand Produkte für Haustiere und betrieb einen durch eine Social-Media-Agentur betreuten Instagram-Account mit rund 14.000 Followern. Er wunderte sich, dass er trotz der vielen Follower, einer hohen Aktivität und der professionellen Betreuung durch die Social-Media-Agentur keinerlei Geschäft machte und bat mich um Rat.

Eine kurze Analyse des Profils ergab: Seine hübschen Instagram-Bilder waren geflutet mit Hashtags wie #dog, #cat, #cutepuppy, #dogsofinstagram, #catsofinstagram, #instadog, #instacat und so weiter – Hashtags, die weltweit genutzt werden. Entsprechend kamen die Follower aus aller Herren Länder, inklusive eines sehr freundlichen Herrn aus Taipeh, der in regem Austausch über die Bilder stand.


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Aus Deutschland, wo mein Bekannter seine Produkte verkauft, kamen nur 400 Fans.

Er hat die Social-Media-Agentur gekündigt, seinen Instagram-Account eingestampft und vollständig neu aufgezogen, denn natürlich ziehen die Hashtags auch über Jahre noch die falschen Follower an. Es geht also bei Followern de facto nicht um Masse, sondern um Klasse.

Die Follower-Zahl für sich betrachtet erfüllt keinerlei wirtschaftlichen Zweck und ist daher auch keine relevante Kennzahl. Sie ist ein rein willkürlicher Wert.

Es gibt jedoch noch viele andere Werte, etwa die Zahl der Interaktionen. Wenn Sie diese Zahl mit den Followern in Relation bringen, haben Sie eine sehr viel bessere Kenngröße für die Wirksamkeit eines Auftritts. Noch besser ist es, wenn Sie die Anzahl der Interaktionen mit der Reichweite eines Beitrages kombinieren können, doch diese Daten stehen Ihnen im Regelfalls besonders für Mitbewerber nicht zur Verfügung.

Als Fazit möchte ich wiederholen: Es kommt nicht darauf an, möglichst viele Follower zu haben. Es kommt darauf an, die richtigen Follower zu haben. Also streben Sie nicht nach Quantität, sondern bitte, bitte nach Qualität. Und wenn Sie das tun, können Sie die entstehende Reichweite sinnvoll nutzen.

Apropos Reichweite – noch so ein sinnloser Wert. Aber darauf gehe ich irgendwann mal gesondert ein.

Gero Pflüger ist Social-Media-Berater aus Hannover. Er berät Unternehmen, gibt Workshops und Seminare zu sozialen Medien und unterstützt seine Kunden auch bei operativen Tätigkeiten im Social Web.