Immer wieder werde ich gefragt: »Wozu benötigen wir ein Corporate Blog? Können wir unsere Inhalte nicht auch bei LinkedIn, Facebook oder XING einstellen und uns die Kosten für das Blog sparen?« Meine Antwort darauf: Nein. Und ich habe den Grund dafür am eigenen Leib gespürt.

Machen wir mal ein Gedankenexperiment:

Stellen wir uns vor, ich würde meine Blog-Artikel (etwa diesen hier) ausschließlich auf LinkedIn Pulse oder zum Beispiel in einer von mir administrierten Facebook-Gruppe veröffentlichen. Das wäre einfach und effizient und es kostet mich gar nichts. Aber plötzlich entscheidet irgendwann wieder irgendein im letzten Jahrtausend stecken gebliebenes deutsches Gericht irgendwas Internetfeindliches, irgendein Datenschutzbeauftragter verfügt irgendwelche intenetfeindlichen Maßnahmen oder irgendeine Provinz-Landwirtschaftsministerin kündigt medienwirksam ihren Facebook-Account. Schließlich kippt die ohnehin in Deutschland sehr kritische Stimmung gegenüber den fiesen, von der US-Geheimdiensten unterwanderten Internet-Datenkraken oder generell gegenüber den USA. Und Plattformen wie LinkedIn und Facebook sehen sich massiven Anfeindungen aus der deutschen Gesellschaft und Politik ausgesetzt.

Wäre ich in so einer Situation Facebook oder LinkedIn – was würde mich hindern, diese bescheuerten Deutschen einfach weiter bescheuert sein zu lassen und meinen Dienst in Deutschland fortan nicht mehr anzubieten? Das bisschen Geschäft aus Deutschland? Wohl kaum. Was wäre also, wenn diese Dienste in Deutschland ihre Geschäftstätigkeit einstellten und mein Content-Eigentum plötzlich futsch wären?

»Ach Pflüger, jetzt übertreibst du aber.« Finden Sie? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein scheinbar unbezwingbarer Internet-Gigant frustriert durch die German Angst aufgibt. Schon 2011 hat Google nach massiven Protesten von Ewiggestrigen und Pseudo-Datenschützern seinen wunderbaren Dienst StreetView in Deutschland eingestellt. Das heißt, dass seit 2011 keine einzige weitere Straße hinzugekommen oder aktualisiert worden ist. Und das, obwohl StreetView eindeutig rechtskonform ist (Stichwort Panoramafreiheit) und Google sogar explizit für Deutschland das Zugeständnis gemacht hat, dass Leute ihr Haus verpixeln lassen können – obwohl Immobilien über keinerlei Persönlichkeitsrechte verfügen und daher auch unter keinerlei Schutz stehen. Google hat die Konsequenzen aus unserem deutschen Sonderweg in die Dritte Welt 2.0 gezogen und schlicht und ergreifend aufgegeben. Ein Sieg der Verbraucher? Mitnichten. Ein Sieg der Idioten.

Content-Eigentum

Doch selbst, wenn wir gar nicht so stark dramatisieren wollen, gibt es etwas zu bedenken: Facebook oder LinkedIn könnten schlichtweg entscheiden, dass ihnen Ihre Nase nicht mehr passt, etwa weil Sie ein kleines bisschen gespammt oder zu viele nackte Brüste gepostet haben. Und plötzlich verlieren Sie den Zugriff auf Ihren Account, auf Ihre Seite, auf Ihre Inhalte, genauer: auf Ihr Content-Eigentum. Und Sie können nichts dagegen tun.

Wo sind dann alle Ihre Inhalte? Wo sind dann alle Ihre Kontakte? Richtig – im digitalen Nirvana, ohne Zugang für Sie. Und Sie können von vorne anfangen, Inhalte zu schaffen und Kontakte aufzubauen.

In meinen Workshops und Seminaren warne ich daher eindringlich davor, den eigenen Content ausschließlich fremden Plattformen zu überlassen. Denn dann sind die Inhalte plötzlich gar nicht mehr die Ihren. Das Content-Eigentum übertragen Sie an die jeweilige Plattform. Und die Plattform kann damit machen, was sie will. Zum Beispiel teilen, für Marketingzwecke nutzen – und löschen.

Im kleineren Maßstab hat mich genau dieses Schicksal schon ereilt. Denn ich war ab einem unklaren Zeitpunkt bis zum Juli 2017 Opfer des »Shadowban« genannten Reichweite-Filters auf Twitter.

Der Shadowban auf Twitter

Der Shadowban oder auch Stealth ban ist eigentlich ein Qualitätsfilter, den Twitter installiert hat. Damit sollen vornehmlich Accounts abgestraft werden, die spamartig Werbung posten oder zum Beispiel eine aggressive Follow/Unfollow-Strategie zum Aufbau von Followern verfolgen. Soweit so gut. Doch was genau passiert, wenn über einen User der Shadowban verhängt wird?

  • Der gebannte Account funktioniert – scheinbar – wie gewohnt weiter. Der Inhaber merkt also nicht, dass er gebannt worden ist.
  • Tweets des gebannten Accounts erreichen ausschließlich seine bestehenden Follower, Retweets erhöhen die Reichweite nicht.
  • Sucht ein Dritter nach dem Accountnamen des gebannten Accounts, wird er nicht angezeigt.
  • Benutzt der gebannte Account in einem Tweet einen Hashtag, ist dieser Tweet über die Hashtag-Suche nicht auffindbar.

Gefahr Shadowban, Stealth Ban: Das Content-Eigentum muss bei Ihnen bleiben

Die Idee des Filters ist gut – Spammer können ihre Follower nach wie vor erreichen, merken aber nichts von der Einschränkung der Reichweite. So kommen die Inhaber spammiger Accounts nicht auf die Idee, einfach neue Accounts zu starten. Leider jedoch läuft der Filter völlig aus dem Ruder und Twitter verhält sich diesbezüglich auch nicht sonderlich transparent. Betroffen scheinen viele Accounts zu sein, die Automatisierungssoftware wie Buffer, Hootsuite oder die Facelift Cloud für viele verschiedene Accounts einsetzen. Das ist natürlich aberwitzig, denn Nutzer derartiger Softwares sind typischerweise Profis wie Marketing-Agenturen oder auch Medienkanäle, etwa die Tagesschau oder die Süddeutsche Zeitung.


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All diese Automations-Softwares greifen auf die offizielle Twitter-API zu, die es uns ermöglicht zum Beispiel zeitgesteuert Beiträge auszuspielen oder auf Tweets zu antworten. Es wäre schön, wenn Twitter hier mögliche Beschränkungen für Entwickler dokumentieren würde. Zum Beispiel ab welcher Zahl automatisierter Tweets diese als »Spam« angesehen werden.

Mittlerweile ist mein Twitter-Account wieder aus dem Shadowban entlassen, allerdings habe ich dafür mehrere Tage lang offizielle und, äh, nicht ganz so offizielle Kanäle bemühen müssen.

Hätte ich meinen Content ausschließlich auf Twitter verbreitet, so wäre er für die Zeit des Shadowbans quasi verloren gewesen. Darum ist es wichtig und richtig, den eigenen Content auf einer Plattform zu lagern, die mir gehört und die ich voll und ganz kontrollieren kann. Und das ist: mein Blog. Nur hier kann ich notfalls zu alternativen greifen, sollte ich irgendwo gesperrt werden.

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Dieser Shadowban-Tester zeigt, ob ein Twitter-Account gebannt oder sichtbar ist

Dieser Shadowban-Tester von Shadowban.de zeigt, ob ein Twitter-Account gebannt oder sichtbar ist

Nach über 15 Jahren im Grafikdesign, davon allein acht in verschiedenen Führungspositionen bei einem international tätigen Finanzvertrieb, machte sich Gero Pflüger im Januar 2007 mit der Netzwerk-Agentur »pflüger : kreativ ackern.« in Hannover selbstständig. Heute betreut er vornehmlich mittelständische Unternehmen im Bereich Content Marketing und Social Media.